Ist eine zu starke Brille schädlich für die Augen?
- augenarztonline
- vor 3 Tagen
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Eine neue Brille soll das Sehen erleichtern und die Welt klarer machen. Doch manchmal passiert genau das Gegenteil: Das Bild wirkt anstrengend oder instabil, Kopfschmerzen treten auf, die Augen brennen, und selbst Treppen oder Bordsteine fühlen sich plötzlich unsicher an. Häufig steckt dahinter eine Überkorrektur – also Brillengläser mit mehr Dioptrien, als das Auge tatsächlich benötigt. Doch was bedeutet das für die Augen? Und kann eine zu starke Brille schaden?
Überkorrektion: Wenn das Glas mehr korrigiert als nötig
Von einer Überkorrektur spricht man, wenn Brillengläser eine stärkere Brechkraft haben, als für eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut erforderlich ist. Kurzsichtige werden dadurch funktionell in Richtung Weitsichtigkeit verschoben, Weitsichtige hingegen in Richtung Kurzsichtigkeit. Der optische Schärfepunkt liegt nicht mehr optimal auf der Netzhaut. Um trotzdem klar zu sehen, muss das Auge permanent akkommodieren – die Linse also aktiv nachstellen. Diese dauerhafte Anspannung ist in der Regel nicht gefährlich, stellt für das visuelle System jedoch eine erhebliche Mehrarbeit dar. Die Folge ist eine spürbare visuelle Ermüdung, besonders bei längerem Lesen, Bildschirmarbeit oder anderer Naharbeit.
Typische Beschwerden bei einer zu starken Brille
Die Symptome einer Überkorrektur sind oft nicht sofort eindeutig, folgen aber einem typischen Muster. Viele Betroffene berichten von unscharfem Sehen, je nach Ausgangsfehlsichtigkeit eher in der Nähe oder in der Ferne. Besonders direkt nach dem Aufsetzen der Brille fühlt sich das Sehen manchmal sogar schlechter an als ohne Korrektur. Hinzu kommen klassische Überlastungszeichen: Kopfschmerzen, ein Druckgefühl hinter den Augen, Brennen oder eine schnelle Ermüdung beim Lesen oder am Bildschirm. Häufig strahlen die Beschwerden in den Nacken aus. Manche Menschen verspüren zudem Schwindel, Übelkeit oder ein diffuses Gefühl des „Schwankens“, als würde der Raum nicht ganz stabil wirken. In ausgeprägten Fällen können auch Doppelbilder auftreten.
Besonderheit bei Kindern
Bei Kindern kommt hinzu, dass ihre Akkommodationsfähigkeit besonders hoch ist. Sie können eine Überkorrektur oft lange kompensieren, ohne sofort verschwommen zu sehen – arbeiten dabei jedoch dauerhaft im angespannten Modus. Um unnötige visuelle Belastung und mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung des beidäugigen Sehens zu vermeiden, sollten Brillenstärken bei Kindern daher besonders sorgfältig bestimmt und regelmäßig kontrolliert werden.
Schadet eine zu starke Brille den Augen?
Diese Frage sorgt verständlicherweise für Verunsicherung. Die gute Nachricht lautet: Nach heutigem medizinischem Wissensstand schädigt eine zu starke – ebenso wie eine zu schwache – Brille das Auge nicht dauerhaft. Weder Netzhaut noch Sehnerv nehmen dadurch einen strukturellen Schaden. Problematisch ist nicht das Auge, sondern die Belastung für die Person, die mit dieser Brille sehen und funktionieren soll. Eine dauerhafte Überanstrengung kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen und das Sehen im Alltag unsicher machen – etwa im Straßenverkehr oder beim Treppensteigen. Chronische Augenmüdigkeit (Asthenopie) mit Brennen, Trockenheitsgefühl, Tränenfluss und Konzentrationsproblemen ist keine Seltenheit. Lesen, Bildschirmarbeit oder Autofahren werden subjektiv anstrengender, die Sehqualität leidet spürbar.
Wann wird eine zu starke Brille kritisch? – Selbstcheck für zu Hause
Spätestens dann, wenn Sie sich mit der Brille unsicher fühlen, sollte man aufmerksam werden. Schwierigkeiten bei der Entfernungsabschätzung, Stolpern auf Treppen oder ein mulmiges Gefühl beim Autofahren sind klare Warnzeichen. Auch neu auftretende oder deutlich zunehmende Kopfschmerzen, Schwindel oder Augenmüdigkeit sollten ernst genommen werden. Eine Brille darf sich kurz ungewohnt anfühlen – sie sollte jedoch nicht krank machen. Oft liefern einfache Beobachtungen erste Hinweise: Sehen Sie mit Brille nicht wirklich schärfer als ohne oder sogar schlechter? Fällt Ihnen das Lesen mit einer Einstärkenbrille schwerer statt leichter? Dann lohnt sich eine Überprüfung.
Ein einfacher Test: Brille aufsetzen, ein Auge abdecken und mit dem anderen Auge auf ein kontrastreiches Ziel schauen, etwa Schrift an der Wand. Wirkt das Bild trotz Brille trüb oder verzerrt, soll der Test mit dem anderen Auge wiederholt werden. Wichtig ist auch: Eine neue Brille darf ein bis drei Tage ungewohnt wirken. Halten deutlicher Schwindel oder Kopfschmerzen darüber hinaus an, stimmt die Stärke meist nicht.
Was zu tun ist
Eine offensichtlich unverträgliche Brille sollte nicht „auf Zwang“ getragen werden - in der Hoffnung, der Körper wird sich schon daran gewöhnen. In den meisten Fällen bringt eine Anpassung der Gläser rasch Erleichterung. Bei Verdacht auf eine Überkorrektur sollte zeitnah eine Refraktionskontrolle beim Augenarzt oder Optiker durchgeführt werden. Eine neue Brille sollte bewusst im Alltag getestet werden – beim Lesen, am Bildschirm, draußen und in Bewegung. Bleiben Beschwerden bestehen, sollte erneut nachgemessen werden. Manchmal liegt die Ursache auch an Achse, Zentrierung oder – bei Gleitsichtbrillen – am Glasaufbau.
Wie oft sollten die Augen kontrolliert werden?
Für die meisten Erwachsenen ohne besondere Risikofaktoren gilt ein Kontrollintervall von etwa ein bis zwei Jahren. Zwischen 20 und 40 Jahren reichen bei stabilem Sehen oft auch zwei bis drei Jahre, ab 40 sind ein- bis zweijährliche Kontrollen sinnvoll, ab etwa 60 meist jährlich. Kinder sollten regelmäßig untersucht werden, da sich das Sehen noch entwickelt. Bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder familiärer Belastung sind häufigere Kontrollen ratsam. Unabhängig vom Intervall gilt: Bei plötzlicher Sehverschlechterung, Lichtblitzen, „Rußregen“, starken Schmerzen oder neuen Doppelbildern sollte sofort ein Augenarzt aufgesucht werden.
Fazit: Eine Brille soll entlasten
Eine Brille soll das Sehen erleichtern – nicht zur Daueranstrengung werden. Fühlt sich Sehen mit Brille mühsamer an als ohne, ist das ein wichtiges Warnsignal. Eine anhaltende Überbelastung der Augen kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen und das sichere Sehen im Alltag erschweren, etwa beim Lesen, bei Bildschirmarbeit, im Straßenverkehr oder beim Treppensteigen. Chronische Augenmüdigkeit mit Brennen, Trockenheitsgefühl, Tränenfluss und Konzentrationsproblemen ist dabei keine Seltenheit. Die gute Nachricht: In vielen Fällen ist die Lösung erstaunlich einfach. Bereits eine kleine Anpassung der Glasstärke kann ausreichen – und die Welt wirkt wieder stabil, klar und angenehm entspannt.



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