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Warum schielen manche Tiere – und ist das ein Vorteil?

Wer schon einmal einer Siamkatze tief in die blauen Augen geblickt hat, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum schielen sie eigentlich? Die Antwort ist vielschichtig und reicht von harmlosen genetischen Besonderheiten über gezielte Zuchtentscheidungen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. Eines vorweg: Schielen ist bei Tieren fast nie ein Vorteil. Auch wenn es manchmal „typisch“ oder sogar niedlich wirkt.


Was bedeutet Schielen überhaupt?

Medizinisch spricht man von Strabismus, wenn beide Augen nicht mehr exakt auf denselben Punkt ausgerichtet sind. Ursache ist immer eine Störung im fein abgestimmten Zusammenspiel zwischen Augenmuskeln, Nerven und Gehirn. Die Blickachsen weichen voneinander ab, das binokulare Sehen, also das räumliche Sehen mit beiden Augen, ist gestört.


Wenn Schielen vererbt wird – genetische Ursachen bei Tieren

Bei vielen Tierarten und -rassen ist Schielen angeboren und genetisch bedingt. Besonders bekannt sind Siamkatzen und andere orientalische Katzenrassen. Ihr typisches Einwärtsschielen steht in engem Zusammenhang mit der Kopfform, der Anordnung der Augenmuskeln und einer besonderen Verschaltung der Sehnerven. Häufig besteht zudem ein Bezug zu Teilalbinismus: Ein Mangel an Melanin und blaue Augen begünstigen eine Fehlverdrahtung der Nervenbahnen im Gehirn, was das Schielen zusätzlich verstärken kann. Historisch wurde dieses Merkmal sogar gezielt gefördert, da es als exotisch und rassetypisch galt und von Legenden begleitet war – etwa der Erzählung von „Tempelwächtern“, deren Katzen angeblich wertvolle Schätze bewachten. Heute hingegen gilt stark ausgeprägtes Schielen bei diesen Rassen zunehmend als Zuchtausschlussgrund. Auch bei Hunden finden sich genetische Formen des Schielens. Manche Welpen zeigen vorübergehend eine Fehlstellung der Augen, die sich mit dem Wachstum normalisiert. Bei bestimmten Rassen wie Chihuahuas oder Boston Terriern kann das Schielen jedoch dauerhaft bestehen bleiben. Besonders gravierend sind genetische Augenfehlstellungen bei Nutztieren. Ein bekanntes Beispiel ist das bilateral konvergente Strabismus mit Exophthalmus (BCSE) bei Rindern, etwa bei Holstein-Rindern und anderen Rassen. Dabei stehen beide Augen auffällig nach innen und treten häufig hervor. Die Erkrankung schreitet oft fort und kann bis zur Erblindung führen. Für die betroffenen Tiere bedeutet dies eine massive Einschränkung, für die Landwirtschaft erhebliche wirtschaftliche Verluste. Entsprechend werden heute gezielt Gentests eingesetzt, um Träger solcher Defekte aus der Zucht auszuschließen. Auch bei Schafen sind schwere genetische Augenerkrankungen bekannt: Texelschafe können beispielsweise durch Mutationen im PITX3-Gen mit stark verkleinerten Augen (Mikrophthalmie) geboren werden und sind von Geburt an blind; andere Rassen zeigen erbliche Linsentrübungen oder Fehlbildungen des vorderen Augenabschnitts. Ähnliche genetisch bedingte Zusammenhänge finden sich auch bei Pferden, wenngleich angeborenes Schielen dort insgesamt seltener beschrieben ist als bei Katzen, Hunden oder Rindern. Es tritt jedoch ebenfalls auf, meist im Zusammenhang mit anderen erblichen Augen- oder Schädelanomalien. So können insbesondere bei Ponyrassen oder Minipferden disproportionierte Schädelformen dazu führen, dass die Augenachsen nicht symmetrisch ausgerichtet sind, was häufig einen strukturell bedingten, konvergenten Strabismus zur Folge hat. Solche Schädelanomalien können durch züchterische Selektion – etwa auf ein verkürztes Kopfprofil – verstärkt und somit indirekt weitervererbt werden. Darüber hinaus zeigen Pferde mit sehr hellen Fellfarben wie Cremello, Perlino oder Champagne Parallelen zu pigmentassoziierten Formen des Strabismus, wie sie auch bei anderen Tierarten beschrieben sind. Der geringe Melaningehalt und die helle Irisfarbe können die Entwicklung der Sehnervenbahn beeinflussen und zu einer leichten Fehlverschaltung im Chiasma opticum führen. Beobachtet wird dies vor allem bei Cremello-Fohlen mit blauen Augen, meist in milder Ausprägung und mit geringer funktioneller Beeinträchtigung. In seltenen Fällen hat die Erkrankung ihren Ursprung im Nerven- oder Erbgut. Dabei sind bestimmte Bereiche im Gehirn, die für die Augenbewegungen zuständig sind, nicht vollständig oder nicht richtig entwickelt. Solche Formen können vererbt werden und treten deshalb in manchen Familien häufiger auf. Das gilt besonders für Tierlinien, in denen auch Gleichgewichtsstörungen oder angeborene Blindheit vorkommen – zum Beispiel bei Appaloosa-Pferden, die das sogenannte Leopard-Complex-Gen tragen. Schielen kann auch sekundär, also als Folge anderer angeborener Augenfehlbildungen, auftreten. Dazu gehören etwa Mikrophthalmie (ein zu kleines Auge), Kolobome (Spaltbildungen in Iris, Linse oder Netzhaut) oder eine persistierende Pupillarmembran (Reste embryonaler Gefäße, die nach der Geburt bestehen bleiben). Solche Fehlbildungen entstehen oft, weil die Augenentwicklung im Embryo nicht vollständig oder fehlerhaft abläuft. Diese Defekte sind häufig Teil komplexer Entwicklungsstörungen und können mit genetischen Veränderungen in Entwicklungsgenen wie PAX6 oder OTX2 assoziiert sein, die auch bei anderen Säugetierarten eine zentrale Rolle spielen.


Verletzungen und Erkrankungen als Ursache

Nicht jedes schielende Tier wurde so geboren. Traumata spielen eine wichtige Rolle, vor allem bei kurzschnäuzigen Hunderassen wie Mops oder Pekingese. Bei ihnen kann es leichter zu einem Bulbusprolaps kommen – dem Herausrutschen des Augapfels, wodurch Augenmuskeln reißen und dauerhaftes Schielen entsteht. Bei Katzen sind dafür meist deutlich stärkere Verletzungen nötig. Auch neurologische oder entzündliche Erkrankungen können Schielen auslösen. Infektionen wie das Herpesvirus bei Katzen, Tumoren, Schlaganfälle, Entzündungen des Gehirns oder Probleme des Gleichgewichtsorgans führen zu sogenannten Lähmungsschielen. Dabei sind ein oder mehrere Augenmuskeln gelähmt, was nicht nur zu einer auffälligen Fehlstellung, sondern auch zu Orientierungsproblemen, Kopfneigen und Unsicherheit führt.


Schielen – kein evolutionärer Vorteil

So häufig man schielende Tiere sieht: Einen evolutionären Nutzen hat pathologisches Schielen nicht. Im Gegenteil. Es stört die Tiefenwahrnehmung, verkleinert das nutzbare Gesichtsfeld und erschwert präzise Bewegungen. In freier Wildbahn wäre das ein klarer Nachteil bei Jagd, Flucht oder Orientierung – Tiere mit ausgeprägtem Strabismus hätten schlechtere Überlebenschancen. Oft wird Schielen mit der natürlichen Augenstellung von Beutetieren verwechselt. Pferde, Kaninchen oder Rinder haben seitlich stehende Augen, was auf den ersten Blick wie Schielen wirkt. Tatsächlich handelt es sich aber um eine evolutionäre Anpassung: ein nahezu rundum reichender Panoramablick zur frühzeitigen Erkennung von Feinden. Das ist kein Strabismus, sondern das genaue Gegenteil – funktionell hoch sinnvoll. Raubtiere wie Katzen oder Primaten besitzen dagegen frontal ausgerichtete Augen für präzises räumliches Sehen. Pathologisches Schielen widerspricht diesem Prinzip.


Kuriose Fälle und bekannte Beispiele

Manche schielenden Tiere erlangen sogar Berühmtheit, wie etwa das Opossum „Heidi“, das aufgrund seines auffälligen Blicks zum Internetstar wurde. Das Schielen entstand vermutlich durch Fetteinlagerungen hinter den Augen und stellt auch in diesem Fall keinen Vorteil dar, sondern bleibt eine bloße körperliche Auffälligkeit.


Fazit: Schielen ist kein Vorteil – sondern ein Hinweis

Ob bei Katzen, Hunden, Rindern oder Pferden: Pathologisches Schielen ist fast immer ein Nachteil, ein genetischer Defekt oder ein Symptom für Krankheit oder Verletzung. Es mag rassetypisch erscheinen oder harmlos wirken, doch biologisch beeinträchtigt es das Sehen und damit die Lebensqualität. Was niedlich aussieht oder historisch gewollt war, sollte heute kritisch hinterfragt werden. Denn gesunde Augen sind – für Mensch und Tier – kein Schönheitsdetail, sondern eine Voraussetzung für ein sicheres und schönes Leben.

 

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