Können Augen herausfallen? – Kuriose Fakten rund ums Auge
- augenarztonline
- vor 18 Stunden
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Ein kräftiges Niesen oder ein Schlag gegen den Kopf und plötzlich taucht ein beunruhigender Gedanke auf: Kann ein Auge dabei herausfallen? Die klare Antwort lautet: Nein. Im Alltag kann ein Auge nicht einfach „herausfallen“. Dafür müssten sowohl die knöcherne Augenhöhle als auch das gesamte Haltesystem des Auges schwer beschädigt werden – ein Szenario, das nahezu ausschließlich bei extremen, meist lebensbedrohlichen Verletzungen auftritt. Dennoch hält sich diese Vorstellung hartnäckig.
Warum das Auge so sicher sitzt
Der Augapfel ist kein loses Organ. Er ist fest in der Augenhöhle eingebettet und über ein ausgeklügeltes Haltesystem gesichert. Sechs kräftige Augenmuskeln halten ihn beweglich und gleichzeitig stabil. Hinzu kommen der Sehnerv, Blutgefäße und straffes Bindegewebe, die den Augapfel mit der Augenhöhle verbinden. Die Bindehaut bildet eine schützende Verbindung zwischen Auge, Lidern und Umgebung, während die knöcherne Orbita wie ein stabiler Schutzrahmen wirkt. Selbst starkes Niesen oder heftiges Pressen erzeugt keinen Druck, der ausreichen würde, ein gesundes Auge aus dieser Struktur zu drücken. Dass sich beim Niesen die Lider reflexartig schließen, dient übrigens dem Schutz vor Tröpfchen und Fremdkörpern – nicht, um ein Herausfallen des Auges zu verhindern.
Wenn es dramatisch aussieht, aber kein Auge „rausfällt“
Was von Laien häufig als „rausgefallenes Auge“ beschrieben wird, ist meist ein starkes Hervortreten des Auges nach vorne. Medizinisch spricht man von einer Proptosis oder einem Exophthalmus. Solche Veränderungen können etwa bei Schilddrüsenerkrankungen, Blutungen, Tumoren oder Frakturen in oder hinter der Augenhöhle auftreten. So beunruhigend der Anblick auch sein mag: Der Augapfel bleibt dabei weiterhin an Sehnerv und Augenmuskeln befestigt. Er löst sich nicht vollständig aus seiner Verankerung.
Die extrem seltene Ausnahme: echte Bulbusluxation
In äußerst seltenen Fällen kann der Augapfel tatsächlich über den Lidrand nach vorne rutschen. Man spricht dann von einer Bulbusluxation. Auch in dieser Situation hängt das Auge in der Regel noch an Sehnerv und Muskeln und ist nicht „abgerissen“. Es handelt sich immer um einen akuten medizinischen Notfall, bei dem das Auge möglichst schnell wieder in seine normale Position zurückverlagert wird. Ob das Sehvermögen erhalten bleibt, hängt vor allem davon ab, ob Sehnerv und Blutversorgung geschädigt wurden.
Wann ein Auge wirklich verloren gehen kann
Ein vollständiger Verlust des Auges tritt nur bei extremen Verletzungen auf. Dazu zählen hochenergetische Verkehrsunfälle, Explosionen, Schussverletzungen sowie schwere Stich- oder Schnittverletzungen, etwa durch Messer oder Glas. Auch massive Schädel-Gesichts-Traumata mit einer zerstörten Augenhöhle können dazu führen, dass die Haltestrukturen reißen und der Augapfel verloren geht. In solchen Fällen ist die gesamte betroffene Region meist lebensbedrohlich verletzt; eine operative Entfernung des Auges erfolgt dann aus zwingenden medizinischen Gründen und nicht als Folge einer harmlosen Alltagsverletzung.
Schwere Augenverletzungen ohne „Herausfallen“
Deutlich häufiger als ein vollständiger Verlust des Auges sind Verletzungen, bei denen der Augapfel zwar erheblich geschädigt wird, jedoch in der Augenhöhle verbleibt. Dies ist insbesondere bei penetrierenden Verletzungen der Fall, wenn spitze Gegenstände wie Metallsplitter, Draht oder Messer Hornhaut und Lederhaut durchdringen. Aber auch stumpfe Hochenergie-Traumata – etwa durch einen Faustschlag, einen Baseball oder den Aufprall eines Airbags – können zu einer Ruptur des Augapfels führen. Solche Verletzungen gehen häufig mit Begleitbefunden wie Blutungen, Netzhautablösungen oder Orbitafrakturen einher, dennoch bleibt das Auge in der Regel in seiner anatomischen Position. Selbst Fremdkörper führen in der Regel nicht zu einer Schädigung des Haltesystems, sondern beschränken sich meist auf oberflächliche Strukturen der vorderen Augenabschnitte. Sie sind zwar oft schmerzhaft und unangenehm, aber heilen in den meisten Fällen innerhalb weniger Tage gut ab.
Heilungschancen und Prognose
Ob ein vermeintlich „herausgefallenes“ Auge gerettet werden kann, hängt stark von der Art der Verletzung ab. Bei einer echten Bulbusluxation, bei der der Augapfel noch verbunden ist, kann er häufig wieder in die Augenhöhle zurückverlagert werden. Die Sehprognose hängt dann vor allem von Schäden an Sehnerv und Blutversorgung ab. Ist der Augapfel dagegen zertrümmert oder der Sehnerv vollständig durchtrennt, lässt sich zwar oft noch Form und Schmerzfreiheit erhalten, nicht aber das Sehvermögen. In solchen Fällen wird das Auge manchmal entfernt und später durch eine Prothese ersetzt. Entscheidend für den Verlauf sind eine extrem schnelle medizinische Versorgung, notfallmäßige Operationen zur Rekonstruktion sowie eine gezielte Antibiotika- und Entzündungstherapie. Selbst bei erfolgreicher Behandlung können Spätfolgen wie Narben, Netzhautablösung, Glaukom (ein chronischer Schaden des Sehnervs) oder eine sympathische Ophthalmie (eine seltene, durch das Immunsystem ausgelöste Entzündung beider Augen) auftreten.
Fremdkörper im Auge
Die äußeren Augenmuskeln zählen zu den kräftigsten und schnellsten Muskeln des menschlichen Körpers. Sie bewegen den Augapfel blitzschnell und viele tausend Male am Tag. Falls ein Fremdkörper ins Auge gelangt, wird in der Regel nicht die Augenmuskulatur, sondern die Hornhautoberfläche verletzt. Dadurch besteht normalerweise keine Gefahr für das Halterungssystem des Auges. Solche Verletzungen sind zwar schmerzhaft, heilen jedoch meist gut aus.
Hartnäckige Mythen über die Augen
Der Glaube, dass beim Schielen die Augen „stehen bleiben“, ist falsch. Augenbewegungen werden ständig von Hirnstamm, Kleinhirn und Großhirn überwacht und korrigiert. Wer absichtlich schielt, bringt die Augen nur kurz aus der normalen Stellung; das motorische System ist darauf ausgelegt, sie wieder parallel auszurichten. Ein echtes, dauerhaftes Schielen entsteht nicht durch „zu viel Schielen“, sondern durch Störungen der Muskelbalance, der Nerven oder der Entwicklung. Auch die Vorstellung, eine Kontaktlinse könne hinter das Auge rutschen, hält sich hartnäckig – ist aber anatomisch unmöglich. Die Bindehaut bildet eine geschlossene Sackfalte. Eine Linse kann höchstens unter das Oberlid rutschen und dort kurz verschwinden, aber niemals hinters Auge oder gar in Richtung Gehirn gelangen. Ebenso falsch ist der Spruch, Fernsehen mache viereckige Augen. Die Form des Augapfels verändert sich dadurch nicht. Problematisch ist vielmehr langes, ununterbrochenes Nahsehen. Besonders bei genetisch anfälligen Kindern kann es das Längenwachstum des Augapfels fördern und so zur Kurzsichtigkeit beitragen. Regelmäßige Pausen, viel Tageslicht im Freien und altersgerechte Bildschirmzeiten gelten daher als sinnvolle Vorsorge.
Wann man unbedingt zum Augenarzt sollte
Plötzliche Lichtblitze, schwarze Punkte wie ein „Rußregen“ oder der Eindruck eines dunklen Vorhangs im Gesichtsfeld können Hinweise auf Netzhautprobleme sein und müssen sofort abgeklärt werden. Auch bei Augenschmerzen, Rötung, Fremdkörpergefühl oder einer anhaltenden Verschlechterung der Sehkraft ist eine zeitnahe augenärztliche Untersuchung erforderlich. Nach einem Hochenergie-Trauma mit Sehverschlechterung, sichtbarer Augenverletzung, starker Blutung oder einer Deformierung des Auges liegt ein absoluter augenchirurgischer Notfall vor.
Fazit: Große Angst, sehr seltene Realität
Ein Auge fällt im Alltag nicht einfach heraus. Dafür ist es viel zu gut geschützt und verankert. Was dramatisch wirkt, ist meist ein Hervortreten – kein tatsächlicher Verlust. Echte „herausgefallene Augen“ sind auf extremste Verletzungen oder operative Eingriffe beschränkt und haben mit normalen Alltagsunfällen nichts zu tun. Kurz gesagt: Unsere Augen sind robuster, als viele Mythen glauben machen und deutlich sicherer, als es sich manchmal anfühlt.