Die spannende Geschichte der Kataraktchirurgie
- augenarztonline

- 10. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Stell dir vor, du siehst die Welt nur noch durch einen dichten Schleier. Farben verblassen, Konturen verschwimmen, Gesichter lösen sich auf – und irgendwann erkennst du selbst deine Familie nicht mehr. Für viele Menschen war das über Jahrhunderte traurige Realität. Die Diagnose: grauer Star, medizinisch Katarakt.
Heute ist das Problem meist mit einer kurzen Operation behoben. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass wir den grauen Star behandeln können? Die Geschichte dieser Operation ist nicht nur medizinisch spannend, sondern auch voller mutiger Ideen, glücklicher Zufälle und technischer Durchbrüche.
Couching – Die ersten Versuche im alten Indien
Die ersten Beschreibungen von Kataraktbehandlungen stammen aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. In Indien erklärte der Arzt Sushruta in seinen Schriften, wie man mit einer feinen Nadel die getrübte Linse im Auge zur Seite drückt – eine Technik, die man "Couching" nennt. Ziel war es, die Linse aus dem Sichtfeld zu bewegen, sodass das Licht wieder ins Auge gelangen konnte.
Dabei wurde die Linse nicht entfernt, sondern lediglich in den hinteren Teil des Auges gedrückt – mit der Hoffnung, dass der Patient danach wieder sehen kann. In manchen Fällen klappte das tatsächlich. Aber oft kam es zu Komplikationen: Infektionen, Entzündungen oder dauerhafte Blindheit waren keine Seltenheit.
Trotz der Risiken hielt sich diese Methode lange – nicht nur in Indien, sondern auch im alten Ägypten, bei den Römern und später in der arabischen Medizin. Es war der einzige Weg, überhaupt irgendetwas gegen den grauen Star zu unternehmen.
Der Durchbruch im 18. Jahrhundert – Die Linse wird entfernt
Ein echter Fortschritt kam im Jahr 1747. Der französische Arzt Jacques Daviel war einer der ersten, der die Linse nicht nur verschob, sondern sie tatsächlich vollständig aus dem Auge entfernte. Dafür öffnete er das Auge mit einem kleinen Schnitt und holte die trübe Linse heraus.
Das Ergebnis: Die Patienten konnten wieder besser sehen – zumindest mit Hilfe starker Brillengläser. Denn ohne Linse fehlt dem Auge die Fähigkeit, scharf zu stellen. Trotzdem war Daviels Methode ein Meilenstein. Zum ersten Mal war es möglich, die Ursache des grauen Stars direkt zu beseitigen.
Die Operation war aber alles andere als einfach. Es gab noch keine Narkose, keine sterilen Bedingungen, keine Antibiotika. Trotzdem verbreitete sich die Technik langsam in Europa – ein wichtiger Schritt in Richtung moderner Augenmedizin.
Ein Splitter, der alles veränderte – Die erste künstliche Linse
Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Entwicklung richtig Fahrt auf – ausgelöst durch einen Zufall. Der britische Augenarzt Harold Ridley behandelte damals Kampfpiloten, denen Kunststoffsplitter aus der Cockpitscheibe ins Auge geflogen waren. Überraschenderweise verursachten diese Splitter keine Entzündungen – das Material wurde vom Körper gut vertragen.
Ridley stellte sich daraufhin eine revolutionäre Frage: Wenn das Auge diesen Kunststoff akzeptiert, könnte man daraus nicht auch eine künstliche Linse herstellen? Gesagt, getan. 1949 implantierte er zum ersten Mal eine künstliche Linse aus dem Material PMMA – Polymethylmethacrylat.
Anfangs wurde er für seine Idee belächelt. Heute weiß man: Harold Ridley hat die Augenheilkunde für immer verändert.
Technik verändert alles – Phakoemulsifikation und faltbare Linsen
Der nächste große Schritt kam in den 1960er-Jahren mit der Entwicklung der Phakoemulsifikation. Dabei wird die trübe Linse mithilfe von Ultraschall in kleine Stücke zerkleinert und anschließend abgesaugt – ganz ohne große Schnitte.
Diese Methode, eingeführt vom US-amerikanischen Arzt Charles Kelman, machte die Operation viel schonender. Der Zugang zum Auge wurde kleiner, die Heilung schneller, und das Infektionsrisiko sank deutlich.
Doch damit stellte sich ein neues Problem: Wie bringt man eine Kunstlinse durch einen so kleinen Schnitt ins Auge? Die Antwort kam in den 1980er-Jahren – mit faltbaren Linsen. Diese Linsen bestehen aus weichem Material, lassen sich zusammenrollen und entfalten sich erst im Auge zu ihrer vollen Form.
Damit war der Weg frei für minimalinvasive, hochpräzise Kataraktoperationen.
Heute: Hightech im Operationssaal
Eine moderne Kataraktoperation dauert heute meist weniger als 20 Minuten. Sie erfolgt unter lokaler Betäubung, oft mit Laserunterstützung, und ist für den Patienten nahezu schmerzfrei. Dank modernster Linsenimplantate können viele Menschen nach dem Eingriff sogar ohne Brille sehen – manchmal besser als je zuvor.
Es gibt mittlerweile Speziallinsen, die nicht nur den grauen Star beheben, sondern auch eine Fehlsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung korrigieren. Manche Linsen erlauben sogar das Sehen in mehreren Entfernungen – Nah, Mittel und Fern.
Die Kataraktchirurgie zählt heute zu den erfolgreichsten Operationen überhaupt. Jedes Jahr werden weltweit über 20 Millionen Menschen erfolgreich behandelt.
Fazit – Von mutigen Nadeln zu mikrochirurgischer Präzision
Die Geschichte der Kataraktchirurgie ist eine Erfolgsgeschichte der modernen Medizin. Was einst ein gefährlicher Eingriff mit zweifelhaftem Ausgang war, ist heute ein routinierter Eingriff mit beeindruckenden Ergebnissen. Sie zeigt, wie weit Neugier, Beobachtungsgabe und technischer Fortschritt die Medizin bringen können.
Vom indischen Heilkundler mit der Nadel bis zum computergestützten Lasersystem – all das hat dazu geführt, dass wir heute in wenigen Minuten das Augenlicht zurückgeben können. Und das ist jedes Mal ein kleines Wunder.


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