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Sehen im Traum: Wie real ist unser Traumbild?

Aktualisiert: 7. Nov. 2025

Jeder kennt das Gefühl, in einem Traum gefangen zu sein, der so real wirkt, dass man ihn kaum von der Wirklichkeit unterscheiden kann. Im Traum tauchen wir in eine Welt ein, die manchmal bizarr, manchmal wunderschön und manchmal erschreckend ist. Neurowissenschaft, Psychologie und Philosophie zeigen: Das Gehirn erschafft im Traum ein Bewusstsein, das dem Wachzustand erstaunlich ähnlich ist.


Das Gehirn als Simulationsmaschine

Im Wachzustand verarbeitet unser Gehirn unaufhörlich Reize aus der Außenwelt wie Licht, Geräusche und Berührungen. Im Traum jedoch herrscht sensorische Stille, und dennoch entstehen darin Bilder, Stimmen, Gefühle und ganze Handlungsabläufe. Der Grund liegt in der erstaunlichen Fähigkeit des Gehirns, Sinneseindrücke selbst zu erzeugen. Es greift dabei auf Erinnerungen, Emotionen und unbewusste Gedanken zurück und formt daraus eine ganz eigene Realität. Der Traum ist somit eine Art Simulation, in der das Gehirn seine kreative Kraft voll entfaltet. Besonders faszinierend ist, dass die Regionen, die für Bewusstsein und Wahrnehmung zuständig sind, im Traum fast ebenso aktiv sind wie im Wachzustand. Deshalb erscheinen Traumwelten so lebendig.


Unterschiede zwischen Traum- und Wachbewusstsein

Obwohl Traum und Wachzustand sich ähnlich sind, gibt es klare Unterschiede. Im Wachzustand sind viele Hirnregionen eng vernetzt und tauschen schnell Informationen aus. Im REM-Schlaf, der Hauptphase des Träumens, ist die Hirnaktivität zwar hoch, aber die Vernetzung zwischen den Bereichen ist geringer. Das erklärt, warum Träume oft sehr gefühlsbetont, aber unlogisch oder bruchstückhaft sind. Besonders aktiv ist in dieser Phase die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, der unsere Emotionen steuert. Gleichzeitig arbeitet das sogenannte „Default Mode Network“, ein Netzwerk, das auch beim Tagträumen aktiv ist. Es erzeugt innere Bilder und freie Assoziationen. Der präfrontale Cortex, der für Selbstkontrolle und Logik zuständig ist, ist hingegen abgeschwächt, weshalb wir im Traum Dinge akzeptieren, die im Wachzustand absurd erscheinen würden. Nur im luziden Traum, wenn uns bewusst wird, dass wir träumen, wird dieser Bereich wieder aktiver. Auch unsere Wahrnehmung unterscheidet sich deutlich. Im Wachzustand prüft das Gehirn ständig, ob Eindrücke real sind. Diese „Realitätskontrolle“ ist im Traum weitgehend ausgeschaltet. So erscheinen uns selbst Unmöglichkeiten – etwa Fliegen oder Begegnungen mit längst verstorbenen Menschen – völlig normal. Damit wir die Traumhandlungen nicht körperlich ausführen, wird im REM-Schlaf der Muskeltonus fast vollständig ausgeschaltet. Der Körper liegt bewegungslos, während im Kopf ein intensives Schauspiel abläuft. Zeit und Raum scheinen dabei ihre Bedeutung zu verlieren: Eine ganze Lebensgeschichte kann sich im Traum in wenigen Minuten abspielen, ohne dass uns das irgendwie ungewöhnlich erscheint.


Die Chemie des Träumens

Träume entstehen nicht nur durch elektrische Aktivität, sondern auch durch ein komplexes Zusammenspiel von Botenstoffen im Gehirn. Tagsüber sorgen Acetylcholin, Noradrenalin, Serotonin und Dopamin gemeinsam dafür, dass wir wach, aufmerksam und handlungsfähig sind. Im Traum verändert sich dieses Gleichgewicht. Während der REM-Phase bleibt Acetylcholin aktiv – es steigert die neuronale Aktivität und ermöglicht die intensiven Traumbilder. Noradrenalin und Serotonin fallen dagegen stark ab, wodurch äußere Reize kaum wahrgenommen werden. Dopamin bleibt aktiv und trägt zur emotionalen, oft surrealen Qualität vieler Träume bei. Der hemmende Botenstoff GABA sorgt zugleich dafür, dass die Muskulatur weitgehend lahmgelegt ist und Traumhandlungen nicht körperlich ausgeführt werden. Diese chemische Balance – hohe innere Aktivität bei gleichzeitig abgeschalteter Wahrnehmung – bildet die ideale Grundlage für das Träumen: Das Gehirn ist hellwach, aber von der Realität entkoppelt.


Serotonin – der Taktgeber des Traumlebens

Serotonin steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus. Tagsüber hält es uns wach und konzentriert, im Tiefschlaf nimmt es ab, um Erholung zu ermöglichen. In der REM-Phase wird Serotonin nahezu vollständig deaktiviert. Erst diese Entkopplung von der Realität ermöglicht den Übergang in die Traumwelt. Ein zu starker Serotoninmangel kann jedoch die emotionale Stabilität im Traum beeinträchtigen und Albträume fördern.


Medikamente und ihre Wirkung auf Träume

Weil viele Medikamente in den Serotoninstoffwechsel eingreifen, beeinflussen sie auch unsere Traumaktivität. Antidepressiva wie SSRI oder SSNRI verändern die Dauer des REM-Schlafs und können Träume intensiver oder verstörender machen. Trizyklische Antidepressiva fördern den Tiefschlaf, verringern aber die Traumphasen. Auch Medikamente gegen Bluthochdruck, Psychosen oder Parkinson können die Traumqualität verändern. Viele Patienten berichten von außergewöhnlich lebhaften Träumen, was zeigt, wie empfindlich unser Bewusstsein auf chemische Veränderungen reagiert.


Echt oder Illusion – die philosophische Perspektive

Im Moment des Träumens erscheint alles real. Erst beim Erwachen erkennen wir: Es war nur ein Traum. Philosophen wie René Descartes stellten früh die Frage, wie wir überhaupt wissen, dass wir gerade nicht träumen. Im Traum fehlen Realitätsprüfungen, im Wachzustand liefert uns die Außenwelt überprüfbare Informationen. Träume sind somit subjektive Realitäten – vollkommen echt für den, der sie erlebt, und dennoch Illusionen.


Fazit: Wenn das Bewusstsein eigene Welten baut

Träume sind ein faszinierendes Produkt unseres Gehirns: Während wir wach sind, verarbeiten wir äußere Reize, im Traum erschafft das Gehirn aus Erinnerungen und Gefühlen eine lebendige innere Welt. Obwohl viele Hirnregionen ähnlich aktiv sind wie im Wachzustand, sorgt eine veränderte Vernetzung dafür, dass Träume emotional intensiv, aber oft unlogisch wirken. Chemisch ermöglicht ein Gleichgewicht aus Neurotransmittern wie Acetylcholin, Dopamin, Serotonin und GABA diese nächtlichen Erlebnisse. Medikamente, die diese Balance beeinflussen, verändern die Traumqualität. So erinnern uns Träume auf faszinierende Weise daran, wie flexibel und schöpferisch unser Bewusstsein ist: Fähig, ganze Welten zu erschaffen, die nur in unserem Kopf existieren und sich doch völlig real anfühlen.

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