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Sehen Chamäleons wirklich in zwei Richtungen gleichzeitig?

vor 10 Minuten
2 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich vor, Sie könnten gleichzeitig lesen und aus dem Augenwinkel eine ankommende E-Mail auf dem zweiten Bildschirm verfolgen. Nicht kurz hin und her blicken, sondern wirklich beide Blickfelder parallel wahrnehmen. Bei Chamäleons ist genau das Alltag. Ihre Augen zählen zu den ungewöhnlichsten im gesamten Tierreich, und ein Blick auf ihre Bauweise erklärt schnell, warum.


Nahaufnahme eines Chamäleons mit einem nach vorne und einem seitlich blickenden Auge

Zwei Augen mit eigenem Blickwinkel

Jedes Chamäleon-Auge sitzt in einer kegelförmigen Hülle aus weitgehend verwachsenen Lidern. Nur die Pupille schaut durch eine kleine Öffnung nach draußen. Das Auge lässt sich über einen sehr großen Bereich bewegen, weitgehend unabhängig vom zweiten Auge. Während das linke Auge nach vorne oben späht, kann das rechte gleichzeitig nach hinten unten kontrollieren, ob sich dort etwas bewegt. In Summe ergibt das ein außergewöhnlich großes Gesichtsfeld, ohne dass sich Kopf oder Körper ständig drehen müssen.


Für ein Tier, das sich vor allem durch Tarnung und langsame Bewegungen schützt, ist das ein großer Vorteil. Bewegung kann ein Chamäleon an einem Ast verraten, während seine unauffällige Färbung dazu beiträgt, selbst wenig aufzufallen. Wer die Umgebung überwachen kann, ohne dafür ständig den Kopf zu bewegen, kann potenzielle Gefahren und Beute frühzeitig erkennen.


Unter Wirbeltieren ist diese außergewöhnlich ausgeprägte Fähigkeit zur weitgehend unabhängigen Augenbewegung selten. Die meisten Tiere, auch Menschen, können ihre beiden Augen nicht so weitgehend unabhängig voneinander ausrichten. Versuchen Sie es ruhig einmal bewusst: Ein Auge nach links lenken, das andere nach rechts, das gelingt uns normalerweise nicht. Unsere beiden Augen werden bei solchen Bewegungen eng miteinander koordiniert. Beim Chamäleon können die Augen dagegen bei der Beobachtung der Umgebung weitgehend unabhängig voneinander bewegt werden.


Wenn aus zwei Blicken einer wird

Ganz auf sich allein gestellt ist jedes Auge trotzdem nicht. Sobald ein Chamäleon eine mögliche Beute entdeckt, ändert sich die Strategie schlagartig. Beide Augen richten sich dann gemeinsam auf dasselbe Ziel aus. Erst durch dieses gebündelte, räumliche Sehen entsteht eine präzise Tiefenwahrnehmung, die exakte Distanzen liefert. Und genau diese Präzision braucht das Tier, denn der Zungenschuss, mit dem es Insekten erbeutet, muss auf den Zentimeter sitzen und dauert oft nur einen Wimpernschlag.


Das Chamäleon wechselt also je nach Situation zwischen zwei völlig unterschiedlichen Sehmodi. Im Überwachungsmodus arbeiten die Augen getrennt und decken maximale Fläche ab. Im Jagdmodus schalten sie auf Teamarbeit um und liefern gemeinsam die Tiefeninformation, die für den Treffer nötig ist. Kein anderes Sehsystem, das uns bekannt ist, springt derart flexibel zwischen Einzel- und Verbundbetrieb.


Was das über Sehen im Tierreich verrät

Solche Extreme zeigen, wie unterschiedlich die Evolution das Problem "Sehen" gelöst hat, je nachdem, welche Aufgabe im Vordergrund steht. Wer wie das Chamäleon vor allem überwacht und lauert, profitiert von getrennten, beweglichen Augen. Wer wie viele Jäger auf schnelle Distanzeinschätzung angewiesen ist, braucht koordiniertes, räumliches Sehen. Auch bei ganz anderen Tieren finden sich verblüffende Speziallösungen, etwa bei den vielfach angeordneten Augen von Spinnen, die ebenfalls weit von unserem menschlichen Sehprinzip entfernt sind.


Unser eigenes Sehsystem wirkt im Vergleich fast bescheiden: zwei Augen, ein gemeinsamer Blick, dafür aber ein sehr feines räumliches Bild in jedem Moment. Beim nächsten Zoobesuch lohnt sich jedenfalls ein zweiter Blick auf das Chamäleon-Terrarium. Mit etwas Geduld lässt sich beobachten, wie ein Auge scheinbar gelangweilt in eine Richtung wandert, während das andere unauffällig ein Insekt ins Visier nimmt.

 
 
 

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